Italienische Verhältnisse

Die Sankt-Canisius-Kirche am Lietzensee ist für Architektin Heike Büttner Marktplatz und öffentlicher Wohnraum zugleich

 

Charlottenburg-Wilmersdorf hat eine neue Kirche. Wer in der Witzlebenstraße mit dem Lietzensee im Rücken St.Canisius schaut, sieht zwei Betonwürfel und Lärchenholz zu einem leichten Ganzen gerügt. Ein Bau von der Anmutung eines Semikolons. Der linke Kubus birgt Marienkapelle und Altarraum. Der rechte Quader gleicht einem Rahmen und macht aus dem Dahinter ein Himmel-Häuser-Wolkenbild. Ein halbmondartiger Schnitz in der gegossenen Decke setzt wetternde Lichtzeichen auf das 1,50 Meter hohe Plateau. Sieben Jahre hatte die katholische Gemeinde St. Canisius sich mit Ausweichquartieren abgefunden, fand sogar Unterschlupf bei der Evangelischen Kirche am anderen Seeufer, nachdem Jugendliche beim Kokeln die alte Kirche Reinhold Hofbauers aus den 50er Jahren in Schutt und Asche gelegt hatten. Den Zuschlag für den neuen Bau bekam Heike Büttner 1998, kurz bevor die Versicherungsfrist ablief. Die 42-Jährige ist Architektin und Professorin an der Bauhaus-Universität in Weimar. Mit ihren Kollegen Claus Neumann und George Braun gelang es ihr, für die Gesamtsumme von 10,9 Millionen Mark eine Kirche zu bauen, die einladender öffentlicher Wohnraum ist und mutige Skulptur zugleich. „Die größte Schwierigkeit ist das richtige Maß", sagt die Architektin, „schließlich ist die Kirche kein funktionaler Bau; weder Konzerthalle, noch Theater. Die größte Herausforderung waren die richtigen Proportionen. „Das kann man nur am Plan studieren. Nischen, Erker, Apsis -das baut man schließlich nicht jeden Tag." Jetzt verheißt das Kircheninnere Weite, egal, wo man steht oder sitzt. Beton bis in die Höhe und sibirisches Lärchenholz, das schimmert so frisch noch rötlich. Heike Büttner liebt es, wenn Stein gegossen wird, das Ungleiche, das Lebendige am Beton gefällt ihr wohl. Und die Lärche wird am Ende silbergrau schimmern. Der Beton trocknet noch etwa zwei Jahre, ist bis dahin wolkig. Später dann kann die ins Holz gefügte Orgel einziehen. Innen zeigt sich der streng umbaute Raum als verborgene Kugel. Als große Sichel schwingt er einseitig und mit ihm die schlichten Ahornbänke. Türen führen in die Sakristei, vor deren ebenerdige Fenster als eine Art Paneel die farbigen Fenster des alten Hauses gehängt werden sollen. Eine weitere Tür birgt den Beichtstuhl, der ist innen licht und warm mit weißem Tuch ausgeschlagen. Der Priester sitzt hinter einer gelochten Holzwand im separaten Beichtraum. Das Kircheninnere ist mit Steinen gepflastert. Als leichte Verwerfung schwingt sich der Boden ganz natürlich zum Altar hoch und fällt als scharfe Kante ab. Der Besucher schaut durch eine Glaswand nach draußen, zuerst auf eine Art gemächlich rinnenden Wasserfall in voller Breite, auf der Höhe dann in das von der Architektin so genannte „Himmlische Jerusalem". Die Gemeinde spricht vom „Offenen Raum". Von hier nach da und auch zurück wirkt die Kirche wie ein Marktplatz. Das Innen und das Außen, das ist eins. Zu Ostern wird auf der licht- und luftdurchfluteten Höhe ein Feuer brennen, der Christbaum zu Weihnachten hat dort seinen Platz. Der Gast fühlt sich erfrischt und atmet durch wie auf der Anhöhe. Buchsbaumduft steigt ihm in die Nase. Der Lietzensee glitzert durch die Bäume

 

Das Innen und das Außen, das ist eins

 

Das hölzerne Rund der Marienkapelle ragt in den steinernen Rahmen und führt zur Einkehr vom Kircheninnem aus. Ganz und gar mit Lärche ausgekleidet, duftet sie sinnlich. Durch schmale Fugen blinzelt das Außenlicht und lässt die 70 Jahre alte Marienstatue aus Lindenholz wie von innen heraus leuchten. Hier kommt die Stille von selbst, das Verharren gleicht einer Einkehr in einen Stall. Das ist Heike Büttners Assoziation. St. Canisius ist fein auch im Detail, das zeigt sich in den Einbauten der Gemeinderäume und in den Treppenhäusern über die Stockwerke: Auf die Dachterrasse wurde gerinnte Lärche gelegt. Von oben der Blick ist grandios: auf den 33 Meter hohen Glockenturm, der als Solist wie zur Begrüßung am Grundstückseingang steht und von der anderen Seite des Lietzensees aus ein Zeichen setzt, selbst wenn die Glocken schweigen. Unten aus Beton, sind die hölzernen Lamellen oben so angeordnet, dass den Vögeln Brutstätten und Flugschneisen verwehrt sind. Schön, wenn die links flankierende Baulücke erst geschlossen ist und der Garten zum See hin Kontakt aufnimmt. 2003 soll die Eröffnung sein. Dann sind hoffentlich die hässlichen Eisentüren zum „Offenen Raum" und zum Turm verschwunden, und in der Gemeinde haben sich Sponsoren gefunden, um die von den Architekten begonnene „Möblierung" zu vervollkommnen. Über die Dächer hinweg sollen auch die Besucher schauen, wenn es nach Heike Büttner geht: Eintritt frei. Die Kirche als immerwährende Zuflucht, als offener  Raum an der Stadtoase Lietzensee. Sankt Canisius jedenfalls ist eine einzige Einladung.

IngeAhrens